Experten-Interview: Liquiditätsmeldewesen für Genossenschaftsbanken

Seit ihrer Einführung hat sich die Liquidity Coverage Ratio (LCR) als steuerungsrelevante Kennziffer der Banksteuerung etabliert. Trotz der stabilen Refinanzierungsbasis stellen starke Schwankungen der LCR kleinere Primärinstitute vor Herausforderungen. Im ADG-Interview erklären Dr. Normen Rohde, der beim BVR die Leitfäden zu LCR, NSFR und AMM verantwortet, sowie Sascha Nell, Experte für interne Revision, Risiko-Controlling und Kapitalmarktbereich, worauf sich genossenschaftliche Kreditinstitute einstellen müssen.

Dr. Rohde, Sie schreiben in der August-Ausgabe der BankInformation, dass die LCR bei kleineren Banken stärker schwankt, als bei größeren. Woran liegt das?

Rohde: Unsere Analysen haben gezeigt, dass die monatliche Schwankung der LCR für kleinere Banken im Durchschnitt das Vierfache von größeren Primärbanken beträgt.  Eine wesentliche Ursache ist die höhere Sensitivität gegenüber Einzeltransaktionen und damit auch die Reagibilität auf Änderungen der rechtlichen Grundlagen.

Auf welche Änderungen der rechtlichen Grundlagen müssen sich unsere Institute hier in nächster Zukunft einstellen?

Rohde: Die BaFin veröffentlichte am 3. Juli 2019 ein Rundschreiben zur Auslegung der Artikels 23 LCR-VO. Das Rundschreiben enthält insbesondere konkrete Vorgaben hinsichtlich der Behandlung von Dispositionskrediten in der LCR. Weiterer Anpassungsbedarf könnte aus einer Leitlinie der EBA zu operativen Einlagen entstehen. Es geht aber auch um bereits bestehende Rechtsnormen, die erst sukzessive in der Bankpraxis ankommen, wie beispielsweise das Unwinding.

Herr Nell, warum ist das Thema Unwinding für Primärinstitute wichtig?

Nell: Unwinding ist insbesondere relevant, wenn Instrumente der besicherten Refinanzierung zum Einsatz kommen und deren Fälligkeit näher rückt. Ein Beispiel sind die Offenmarktgeschäfte mit der EZB, die von einigen Banken insbesondere im Zuge der gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte (GLRG) mit Laufzeiten von circa vier Jahren genutzt wurden.

Wie auch auf der diesjährigen BWT betont wurde, können sich daraus interessante Refinanzierungskonditionen ergeben, insbesondere wenn eine Kreditvergabe für die „Realwirtschaft“ als Voraussetzung weiterer Prämien nachgewiesen wird. Die Besonderheit des Unwinding liegt in dem Charakter als „Schattenrechnung“: zwar führt eine Refinanzierung bei der EZB bei Fälligkeit nicht zum Abfluss in der LCR, jedoch verändern sich die Kappungsgrenzen beim Ansatz hochliquider Aktiva (HQLA), sobald der 30 Tage-Betrachtungshorizont der LCR erreicht wird. Ein weiteres Beispiel sind Wertpapierpensionsgeschäfte, die im letzten Monat unter die Unwinding-Regelung fallen.

Gibt es noch andere Effekte, die Banken aus Ihrer Sicht verstärkt beachten sollten?

Nell: Ein gutes Beispiel sehr konservativer LCR-Kalibrierung sehen wir im Bereich der Besicherung von derivativen Geschäften. Zum einen werden in Abhängigkeit von der Qualität der gestellten Sicherheit ergänzende Zahlungsmittelabflüsse bis zu 20 Prozent gefordert. Zudem werden Liquiditätsabflüsse für das Risiko von Marktwertschwankungen der gesicherten Derivate modelliert. Dies erfordert eine Betrachtung im sogenannten „Historical Look-back approach“ (HLBA), in dem die Sicherheitenbewegungen der letzten zwei Jahre zu analysieren sind.

Aus unserer Beratungspraxis erkennen wir zudem, dass auch der Eingang von Großkunden- oder Finanzkundeneinlagen für Herausforderungen sorgt. Diese führen regelmäßig zu höheren Abflussquoten als die anrechenbare Quote für den Zufluss aus der korrespondierenden Liquiditätsanlage. Damit entsteht kurzfristig eine LCR-Belastung außerhalb der Einflusssphäre der Bank.

Herr Rohde, was sollten Banken grundsätzlich im Kontext der Steuerung von aufsichtlichen Liquiditätskennzahlen beachten?

Rohde: Die LCR und zukünftig die NSFR sind Ankerpunkte in der aufsichtlichen Bewertung der Angemessenheit der Liquiditätsausstattung. Wichtig ist dabei die Positionierung innerhalb der Vergleichsgruppe. Hierzu wurden in der BankInformation Benchmarkinganalysen vom BVR veröffentlicht, die wir auch in unserem Webinar vorstellen werden.

Zu beachten ist auch der strategische Charakter der NSFR, die mit der CRR II neu kalibriert wurde. Hier lohnt es, sich frühzeitig mit den Änderungen vertraut zu machen, da die NSFR aufgrund ihres langfristigen Charakters deutlich träger als die LCR auf Steuerungsmaßnahmen reagiert. 

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Thomas Wilbert

B. A.
Produktmanager für: Interne Revision, Rechtliche Fragen des Bankgeschäfts und Aufsichtsräte