Innovative Immobilienangebote: Genossenschaftsbanken wollen nachhaltigen und bezahlbaren Wohnraum schaffen

Mangelnder Wohnraum, explodierende Grundstückskosten, hohe Mieten und steigende Eigenheimpreise – Wohnungssuchende, Kommunen und Bauträger stehen vielerorts gleichermaßen vor einem scheinbar unlösbaren Problem. Genossenschaftsbanken wollen dieser schwierigen Lage auf dem Wohnungsmarkt mit innovativen Geschäfts- und Finanzierungsmodellen begegnen. Wie diese aussehen können und welche Auswirkungen auf den angespannten Immobilienmarkt damit verbunden sind, war Ende November Thema auf dem Genossenschaftstag „Ganzheitliches Immobiliengeschäft“ auf Schloss Montabaur.

Rund 120 Topmanager aus genossenschaftlichen Banken, Wohnungsbau- und Warengenossenschaften sowie Vertreter von Städten und Gemeinden und namhafte Experten – darunter Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer und der sächsische Zukunftsforscher Timo Leukefeld – suchten in zahlreichen Fachvorträgen und einem regen Diskussionsforum auf dem Campus der Akademie Deutscher Genossenschaften (ADG) vor allem nach zukunftsfähigen Lösungen: „Die Genossenschaftsbanken mit ihrer weitreichenden Erfahrung bei der Finanzierung von nachhaltigen und klimafreundlichen Bauprojekten sowie das bewährte Modell der Wohnungsgenossenschaften können einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von Wohnungsnot und Stadtraumverödung leisten – und dabei auch neuartige Formen der Wohnraumbewirtschaftung entwickeln,“ betonte Viktoria Schäfer, Vorstandsvorsitzende des Forschungsinstituts der ADG und Moderatorin des Forums.

Auch andere Teilnehmer äußerten sich zuversichtlich: So beschrieb der sächsische Zukunftsforscher Professor Timo Leukefeld, wie mit „energetisch sinnvollen Bauweisen unserer Großväter“ unter Verzicht auf „reparaturanfällige Technik“ künftig Wohnungen geschaffen werden könnten, in denen „Menschen auch mit geringem Einkommen eine sozial verträgliche Miete“ gesichert werde. Dabei solle „das Recht auf Wohnen, Wärme, Strom und Autofahren enthalten“ sein. Baugenossenschaften könnten diese Leistungen als „Gesamtpaket“ anbieten und dabei die nötige Energie für Heizung und Elektrizität aus Sonnenkraft gewinnen. Diese stünde den Mietern schließlich auch für hauseigene Solartankstellen und Carsharing-Autos zur Verfügung.

Wie erfolgreich das genossenschaftliche Engagement bereits in der Praxis ist, zeigt unter anderem das Beispiel der Tübinger Südstadt, die sich in den letzten Jahren in kooperativen Projekten zu einem lebenswerten Stadtraum entwickelt habe, der auch auf die in der Region dringend benötigten Fachkräfte eine große Anziehungskraft ausübe. Martin Burkhardt, Autor einer von der ADG in Auftrag gegebenen Studie zur „Zukunft der Stadt“: „Wenn man als Genossenschaft langfristig denkt, erreicht man eine Wertschöpfung, bildet aber auch einen sozial-ökonomischen Raum, der für die Zukunft tragfähig bleibt.“ Die Genossenschaftsbanken seien dabei „ein wichtiger Partner“ der Kommunen, hob Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hervor.

Für die Genossenschaftsbanken käme nach Auffassung von Experten vor allem die Finanzierung besonders nachhaltiger Bauweisen in Frage, bei denen die Häuser schließlich „über 80 Jahre abgeschrieben werden können und nicht bereits nach 30 Jahren“, so Zukunftsforscher Timo Leukefeld. Eine solche langfristige Kalkulation wirke sich „direkt auf eine niedrigere Miete aus“. Dadurch würden auch komfortable Wohnungen bezahlbar. Die Genossenschaft könne darüber hinaus „einen Gesamtmietpreis für Wohnen, Energie und Mobilität über einen Zeitraum von zehn Jahren zusichern“.

Um den Bau und Vertrieb von zukunftsfähigen Immobilien zu beschleunigen, arbeiten die Genossenschaftsbanken derzeit an digitalen Plattformen, die den Interessenten von Miet- und Eigentumswohnungen die Entscheidungsfindung erleichtern sollen. Zugleich setzen die Volks- und Raffeisenbanken auf politische Entscheidungen von Bund, Ländern und Gemeinden, damit die für zukunftsfähige Bauprojekte dringend benötigten Grundstücke nicht länger der Spekulation des Marktes unterworfen werden. So nutzt Tübingen aufgrund des Bauplatzmangels bereits – als erste deutsche Stadt – das sogenannte „Baugebot“: „Nach Paragraf 176 des Baugesetzbuches können Kommunen Grundstückseigentümer zum Bauen verpflichten, wenn Baurecht besteht. Davon müssen wir nach meiner Überzeugung angesichts der aktuellen Notlage Gebrauch machen,“ so Oberbürgermeister Boris Palmer.

 

Wie sehr das Thema über den Tag hinaus von großem Interesse ist, zeigen die Experteninterviews – als Podcast zum Hören und als Text zum Lesen.

 

Boris Palmer

„Wer das Grundstücksproblem löst, wird reich"

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer über die größten Sorgen der Städteplaner, die Kooperationen von Kommunen mit Genossenschaften und die damit verbundenen Chancen und Stolpersteine bei der gemeinsamen Suche nach Lösungen für mangelnden Wohnraum.

Professor Timo Leukefeld

„Wohnen, Energie und Mobilität aus einer Hand anbieten"

Professor Timo Leukefeld berichtet von einem nachhaltigen Geschäftsmodell, das besonders für Baugenossenschaften und Genossenschaftsbanken interessant klingt und zugleich mit einer Rückbesinnung auf alte, energetisch sinnvolle Bauweisen mit langfristigen Bestandswerten verbunden ist.

Martin Burkhardt

„In der Attraktivität der Städte steckt das Geschäftsfeld der Zukunft"
Interview mit Genossenschaftsberater Martin Burkhardt (Büro für Gestaltung, Baden-Baden) über die Chancen für die genossenschaftliche Finanzwelt, Stadt und Land sinnvoll mitzugestalten und dabei nachhaltige Wechselwirkungen zwischen Lebensqualität und Geschäft zu erzielen.

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Ihr Ansprechpartner

Sebastian Vogt

Dipl.-Wirtschaftsjurist
Experte für Firmenkunden, Immobiliengeschäft