Prof. Dr. Avo Schönbohm: „Der Controller steht am Scheideweg“

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Kann der Controller heute einen Beitrag zur Gestaltung der digitalen Transformation im Unternehmen liefern?„Ja,“ sagt Prof. Dr. Avo Schönbohm, Experte u.a. für interdisziplinäre & anwendungsorientierte Controllingforschung und Referent am „17. Forum Gesamtbankstuerung“ im Mai auf Schloss Montabaur. Vorausgesetzt, dem Controller gelingt es, seine Rolle neu zu definieren, damit er auch in Zukunft als Partner des Managements ernst genommen wird. Schönbohm beschreibt die künftige Rolle des Controllers als „Navigator durch die digitale Transformation“, als Chief Digital Performance Officer (CDPO).

Mit fortschreitender Digitalisierung steigen für Unternehmen Chancen und Risiken. Die Chancen bestehen darin, an einem neu entstehenden Wachstumspotenzial partizipieren zu können. Gleichzeitig impliziert schon das Wort Transformation, neben dem signifikanten Einsatz von Ressourcen, ein existentielles Infragestellen des bestehenden Geschäftsmodelles. Damit verbunden sind ein Rückgang des analogen Umsatzes sowie ein massiver Umbau von Strukturen, Prozessen und Kultur im Unternehmen. Ein Rückfahrticket für den Fall des Scheiterns gibt es wohl nicht.

„Die digitale Transformation von Geschäftsmodellen gibt dem Controller die Chance, sich gegenüber der Geschäftsführung als Chief Digital Performance Officer neu zu positionieren“, sagt Schönbohm, Professor für Allgemeine BWL und Controlling an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. „Damit übernimmt er die Rolle des datengetriebenen Navigators und digitalen Controllers, der eine gamifizierte Leistungskultur in den digitalen Geschäftsbereichen fördert.“ Er wird zum Agenten der Performance im Unternehmen.

Schönbohm referiert im Rahmen des 17. Forums Gesamtbanksteuerung vom 28.05. - 29.05.2018 auf Schloss Montabaur über den „Controller als Navigator im digitalen Transformationsprozess“. Teilnehmer werden unter anderem in einem Live-Gamestorming erleben, wie eine interaktive und digitale Leistungskultur funktionieren kann.

Mit dem Begriff „Gamifizierung“ meint Schönbohm, ein Unternehmen wie ein Spiel zu interpretieren, das auf Basis eines komplexen Regelgeflechts funktioniert – nur, dass die alten Regeln nicht mehr gelten. Sie müssen angepasst werden. Dazu gehört, dass junge Mitarbeiter sich an neuen Spielregeln orientieren. Die Digitalisierung verändert die Erwartungshaltung der Menschen an ihren Job. Neben der Customer Experience rückt die Employee Experience, also eine Ausrichtung des Arbeitsumfeldes an den Wünschen der Mitarbeiter, immer mehr in den Fokus der Unternehmen. „Der Mitarbeiter versteht seinen Beitrag im Unternehmen als Teil einer individualisierten Heldenreise“, drückt es Schönbohm aus. Und das bedeutet nicht zuletzt: Die Arbeit muss Spaß machen.

Der Controller kommt hier vermutlich nicht jedem zu allererst in den Sinn – zumindest in seiner alten Rolle. Zu stark ist in den Köpfen das Bild des kostenstellenaffinen "Erbsenzählers" verhaftet, der für eher spaßfreie Dinge wie Fremdkontrolle, Abweichungsanalyse oder auch intendierte Verhaltenssteuerung steht. Nur: Das alles muss es weiterhin geben im Unternehmen, wenn es digitale Performance zeigen will, egal, wie spaßorientiert der neue Typus Mitarbeiter sein mag. Denn Abweichungsanalysen regen Lerneffekte und Veränderungsprozesse an, mit denen sich in den folgenden Perioden Abweichungen reduzieren lassen. Solche Lernprozesse sind in der dynamischen Umwelt der digitalen Transformation wichtiger denn je.


Mithilfe einer "gamifizierten Leistungskultur" die Mitarbeiter motivieren und herausfordern

Hier kommt die „gamifizierte Leistungskultur“ ins Spiel. Es gilt, Wege zu finden, die intrinsische Motivation der Mitarbeiter anzusprechen und herauszufordern. „Gamification“ bedeutet, die Anlage des Menschen als spielerisches Wesen zu nutzen. Dazu können Spielelemente aus Computerspielen auf andere Bereiche übertragen werden. Punkte und Badges sammeln, Titel verliehen bekommen, höhere Levels erreichen und so über positives Feedback das Gefühl zu haben, sich persönlich weiterzuentwickeln. In der Spielwissenschaft ist seit langem erwiesen, dass solche Systeme gut funktionieren. Für Kunden gibt es das schon lange – Stichwort Payback oder Miles& More.

„Das gilt nicht nur für die Mitarbeiter“, betont Schönbohm. „In einer sich immer schneller drehenden und komplexeren Welt sollten auch Managementkontrollsysteme unterhaltsam sein.“ Budgetierung, sagt Schönbohm, könne zum Spiel, strategische Planung zum kreativen Prozess werden. „Und der Controller kann diesen Prozess gestalten.“ Dafür müsse er „weg vom Excel-Sheet und ran an die Mitarbeiter – Controlling muss zum Kontaktsport werden“. Der Trend geht dabei zur interaktiven Kontrolle. Der Weg zum Ziel wird gemeinsam gegangen, er wird zum Gemeinschaftserlebnis auf dem Weg der Leistungserstellung. Dafür gibt es bereits Tools, etwa „Scrum“, wie man es aus der Software-Entwicklung kennt, Kanban und andere. Das ist eine der besonders spannenden Erkenntnisse der digitalen Transformation: Der Mensch wird noch wichtiger, und die interaktive Kommunikation wird noch elementarer für den Unternehmenserfolg. „Gerade Start-ups im IT-Bereich machen uns das vor“, sagt Schönbohm. „Die legen zum Beispiel viel Wert auf die Küche als kommunikativen Raum – das hat dort eine immense Bedeutung.“

Eine Planungs- und Kontrollkultur, wie wir sie aus der analogen Arbeitswelt kennen, wird die neue Generation von Programmierern und digitalaffinen Mitarbeitern nicht motivieren können. Insofern gilt es, die richtige Balance zwischen kreativen Freiräumen und Leistungstransparenz zu finden. Controller werden sich mit der Rolle des strategischen Coaches und des Spielmeisters anfreunden müssen, wenn sie in diesem Umfeld nicht mehr Schaden anrichten als digitale Wertbeiträge liefern wollen. Wer jetzt noch denkt „Wir sind doch digital, wir arbeiten schließlich in Excel“ hat die Botschaft nicht verstanden.

Natürlich besteht die andere große Herausforderung darin, komplexe digitale Ökosysteme in wenigen Kennzahlen zu aggregieren und mit Konkurrenzsystemen zu vergleichen. Eine digitale Leistungskultur benötigt ein ganzheitliches Performancemanagementsystem. Doch ein solches System aufzusetzen ist letztlich ein Heimspiel für den Controller. Dieses Geschäft beherrscht er. Doch kann er als Chief Digital Performance Officer den Drahtseilakt zwischen kreativer und spielerischer Start-up-Kultur sowie wertorientierter Unternehmenssteuerung meistern? An dieser Frage, ist Schönbohm überzeugt, entscheide sich die Zukunft des Controllers.

Ihr Ansprechpartner

Christian Malm

B. A.
Banksteuerung, Risikomanagement und Treasury