In einer Welt digitaler Geschäftsmodelle erfordert das Berufsbild des Bankers neue Kompetenzen

Bankfachspezialisten im Sinne von Professionals sind heute über 45 Jahre alt und haben mindestens noch bis zu zwanzig Jahre Berufsleben vor sich. Bankfachspezialisten im Sinne von Young Professionals sind rund 25 Jahre alt und haben noch um die 40 Jahre Berufsleben vor sich. Eine zunächst trivial anmutende Feststellung der Schweizer „zhaw School of Management and Law“ mit Sitz in Winterthur. An Brisanz gewinnt sie jedoch sehr schnell vor dem Hintergrund der alle Lebensbereiche verändernden digitalen Transformation – und die Finanzbranche erst recht. Die Grundthese der im November 2017 veröffentlichten „Zukunftsstudie Bankfachspezialisten 2030“ lässt sich in etwa so zusammenfassen: Es wäre keine gute Strategie, sich mitten in der digitalen Transformation auf dem Erreichten auszuruhen.


Viele sagen, wir befinden uns mitten in der vierten industriellen Revolution. Wer heute nicht am Ball bleibt, wird morgen schon abgehängt sein. Das gilt für ganze Organisationen wie Banken ebenso wie für jeden Einzelnen. Dabei ist ein hohes Maß an Flexibilität gefordert, denn wie Banking in zehn oder zwanzig Jahren genau aussehen wird, das weiß niemand. Es gilt, sich auf eine Zukunft vorzubereiten, die weit weniger planbar, ungewisser und unsicherer ist, als es Karrierepfade bislang gewesen sind. Manche Prognose ist weit drastischer, als „Wunschdenken“ wird in Kommentaren schon mal die Hoffnung betitelt, Banken könnten es in verschiedenen Bereichen noch mit den großen Technologie-Giganten und anderen Newcomern aufnehmen. Dieser Zug sei schon jetzt abgefahren. In dieser düstersten aller Erwartungen haben disruptive Technologien und Angebote die Banken selbst letztlich überflüssig gemacht. Ganz im Sinne einer vielzitierten Aussage von Microsoft-Gründer Bill Gates wird es Banking weiterhin geben – Banken aber nicht zwingend.


So weit muss es natürlich nicht kommen. Schon jetzt beginnen viele Banken, neue Technologien und Dienstleitungen in ihr Angebot zu integrieren, häufig in Kooperation mit hochspezialisierten Fintechs. Je weiter die Digitalisierung fortschreitet, werden sich die in Banken notwendigen Kompetenzen verschieben. Sie müssen sich verändern, und mit ihnen die Banker – um eine Zukunft zu haben, entweder in der Bank, anderswo im Finanzsektor, oder auch in ganz anderen Branchen. Jetzt ist die Zeit, die notwendigen Schritte zu gehen, um mit der digitalen Transformation Schritt zu halten.

 

Die zhaw in Winterthur hat speziell für den Finanzplatz Zürich vier Szenarien ausgearbeitet, wie sich die Bankenbranche bis 2030 entwickeln könnte. Es ist aber durchaus naheliegend anzunehmen, dass diese Szenarien mehr oder weniger unabhängig vom Sitz einer Bank denkbar sind:

 

Szenarien A und B: Vollständig digitalisiertes Kundenverhalten und Geschäftsmodellen mit hohem Vertrauen der Kunden in die technischen Lösungen.

Szenario A: Banken können mit der digitalen Entwicklung nicht mithalten und verlieren ihre starke Wettbewerbsposition und ihre Kunden an ausländische Bankenplätze (bzw. an branchenfremde Dienstleister).

Szenario B: Banken entwickeln eine hohe Innovationskraft im Bereich der digitalen Bankdienstleistungen und bleibt wettbewerbsfähig. Gleichzeitig verändern sich die Strukturen innerhalb des Bankensektors wesentlich. Fintechs und Technologieunternehmen werden auf Kosten der traditionellen Banken stark an Bedeutung gewinnen.

Szenarien C und D: Hybride Entwicklung, in der Kundenverhalten und Geschäftsprozesse nicht vollständig digitalisiert sind.

Szenario C: Bedingt durch ein konservatives Verhalten der Kunden bleibt der Innovationsdruck niedrig und die bestehenden Geschäftsmodelle verändern sich wenig. Gegen 2030 kommt die Banken dann doch unter Druck, weil neue Kundengenerationen das Angebot der persönlichen Beratung zwar schätzen, aber gleichzeitig Anforderungen an das digitale Angebot stellen.

Szenario D: Für Kunden spielt in einer digital komplexer werdenden Welt das Vertrauen, verbunden mit einer persönlichen Beratung und Betreuung sowie einer hohen Daten- und Systemsicherheit, eine große Rolle. Banken konzentrieren sich neben der persönlichen professionellen Beratung bei komplexen Fragenstellen auf die Digitalisierung von Standarddienstleistungen.


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2030 – das klingt weit weg, ist aber bereits in wenigen Jahren! Unabhängig davon, welches der Szenarien so oder anders eintreten mag, es ist geboten, sich dieser Herausforderung systematisch zu nähern – im Dreiklang von Analyse, Reflektion und Tun. Banken sollten jetzt damit beginnen zu analysieren, wie weit heutige Kompetenzen ihrer Mitarbeiter von den Kompetenzen abweichen, die für künftige Geschäftsmodelle mit digitalisierten Dienstleistungen benötigt werden. Und Banker sollten für sich analysieren, welche Kompetenzen sie selbst entwickeln sollten – und das unter der Prämisse, dass künftig linear-vertikale Karrieren nach heutiger Erwartung abgelöst werden von anderen, mehrdimensionalen Verläufen. Fragen wie zum Beispiel diese können bei diesem Prozess helfen:

 



  • Welcher Grad der Digitalisierung und Automatisierung ist auf meinem Gebiet auf absehbare Zeit denkbar – und was bedeutet das für mich?
  • Welche neuen Konkurrenten arbeiten an neuartigen Lösungen, Prozessen oder Dienstleistungen, die mein Gebiet betreffen – und was bedeutet das für mich?
  • Welche zu meinem Gebiet komplementären Produkte und Dienstleistungen sind absehbar – und was bedeutet das für mich?
  • Welche Fachkompetenzen werden von mir künftig erwartet?
  • Welche weiteren Kompetenzen sind erforderlich?
  • Wie und wo kann ich diese Kompetenzen erwerben?

Beispiele:

  • Zahlungsverkehr versus neuer Systeme von Tech-Giganten wie Google, Apple, usw.
  • Fondsmanagement und Anlageberatung versus Robo Advisors und Social Investing
  • Wertpapieranalyse versus automatisierter Textanalyse
  • Kreditvergabe versus Lending-Plattformen und Social Lending
  • Persönliche Beratung und Betreuung versus Multi-Channel-Angebote bis hin zum mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Avatar
  • Dokumentengeschäft versus Blockchain
  • Risikomanagement
  • Compliance-Funktionen
  • Rechnungswesen
  • Human Resources
  • usw. – jeder Bereich kann von der digitalen Transformation mehr oder weniger betroffen sein.

Wie auch immer die Digitalisierung das Berufsbild des Bankers verändern wird, werden Menschen vor allem dort weiterhin ihre Rolle spielen, wo Fähigkeiten wie Empathie, Emotionalität, Kreativität, Didaktik oder auch der Umgang mit Komplexität gefordert sind. Methodenkompetenz, Sozialkompetenz aber auch die Kompetenz, sich persönlich stetig weiterzuentwickeln treten gleichwertig neben die heute noch dominante Fachkompetenz. Lernbereitschaft und Offenheit für Veränderung sind entscheidend für den persönlichen Erfolg.


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Die Akademie Deutscher Genossenschaften ist der starke und kompetente Ansprechpartner für zukunftsweisende Qualifizierungen auf dem persönlichen Weg in die Zukunft. Mit den CI|ART-Workshops zum Beispiel hat die ADG ein Konzept zur persönlichen Entwicklung von Führungskräften in Banken entwickelt, das sie darin unterstützt, zu aktiven Gestaltern der digitalen Transformation zu werden. Das "C" steht für Werte wie Cooperative, Change, Co-Creation, Cooperation, Culture, Chance, Challenge. Das "I" für Identifikation, Inspiration, Innovation, Idee, Invest. Und "ART" für „Analyse“, „Reflektion“ und „Tun“, also für wichtige Bausteine des Change- und Transformationsprozesses.


Die "CI|ART"-Angebote sind für Führungskräfte konzipiert, die die Chancen auf dem Weg in die Digitale Gesellschaft mit Neugierde annehmen. Die ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellen und adäquate Antworten für die Zukunft suchen – also für die „First Mover“ digitaler Transformationsprozesse. CI|ART bietet die Chance, von den Ideen und Erfahrungen unterschiedlicher genossenschaftlicher Organisationen zu profitieren, Lösungsfähigkeiten zu erlernen sowie Innovationsfähigkeit und Entscheidungsfreude zu entwickeln, um die Zukunft ihrer Organisation zu stärken und zu sichern.


Es gilt, jetzt aktiv zu werden. Denn das Fazit der zhaw-Studie liest sich wie eine Warnung:  Banker können sich heute eine disruptive Veränderung ihrer aktuellen Tätigkeit überwiegend nicht vorstellen. Sie gehen davon aus, mit ihren heutigen Kompetenzen auch zukünftig erfolgreich zu sein.


Diese Wahrnehmung steht in einem ernst zu nehmenden Kontrast zu den Studienergebnissen. Tätigkeitsfelder und erforderliche Kompetenzen werden sich im Zuge der digitalen Transformation sehr schnell ändern.

Gefordert sind jetzt ein Umdenken sowie das Hinterfragen der bisherigen Kompetenzen.