„Die Digitalisierung ist weit mehr als nur ein technisches Phänomen“

„Das Zeitalter der autoritären Unternehmensführung ist vorbei. Und das ist gut so“, sagt Wolfram Sauer, Head of Public Affairs XING SE, im Gespräch mit der ADG. Er vergleicht die in der Arbeitswelt um sich greifende Veränderungsdynamik mit einer Kerze, die an beiden Enden brennt: Da sind nicht nur die jungen Talente, die immer weniger bereit sind, das Arbeitsleben ihrer Eltern zu führen, dem sich alles andere – Familie, Freunde, Interessen – unterzuordnen hat. Auch die Unternehmen bemerken, dass sie mit traditionellen Führungsmethoden immer schlechter in der Lage sind, im Wettbewerb und gegen den Innovationsdruck zu bestehen.

Wolfram Sauer leitet im Rahmen des 4. Forum Digitalisierung am 9. und 10. April 2018 auf Schloss Montabaur den Workshop „Arbeit 4.0 / New Work – Auf dem Weg in eine neue Arbeitswelt“. Mit der Idee der Genossenschaft kann er einiges anfangen – und er sieht sogar eine gewisse Parallele zu seinem Unternehmen XING, dem sozialen Netzwerk für berufliche Kontakte: „In Genossenschaften bilden die Mitglieder Netzwerke, um in Projekten zu arbeiten – etwas ähnliches bilden wir auch bei XING ab.“

Die ADG hat Sauer zu Status und Perspektiven der „New Work“ befragt.


Herr Sauer, Sie sagen, die Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt radikal. Wie meinen Sie das?

Wolfram Sauer: Viele betrachten die Digitalisierung ausschließlich als ein technisches Phänomen. Aber das ist deutlich zu kurz gegriffen. Die Digitalisierung hat längst begonnen, unseren Alltag zu durchdringen. Sie verändert die Art, wie wir arbeiten, kommunizieren, produzieren und konsumieren, kurz: wie wir leben. Dabei gehen technologische und soziale Innovationen Hand in Hand. Wir stehen damit vor einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung in einer völlig neuen Dimension.

 

Was bedeutet das für Unternehmen?

Sauer: Unternehmen erkennen zunehmend, dass sie diese alles umfassende Entwicklung aufgreifen müssen, wenn sie auch morgen noch erfolgreich am Markt sein wollen. Denn die Veränderungen beeinflussen unseren gesamten Lebensstil, bis hin zu unseren Werten. Da drängt sich die Frage auf, wie wir künftig unser Leben und unsere Arbeit organisieren wollen. Unternehmen haben bereits begonnen, mit Arbeitszeitmodellen zu experimentieren, und sie denken über Dinge nach wie Demokratisierung der Zusammenarbeit, Autonomie, Diversität und Gemeinwohlorientierung. Die Welt verändert sich rasant – und die treibende Kraft hinter dieser Veränderung ist die Digitalisierung.

 

Und Sie fassen diese Veränderung unter dem Begriff „New Work“ zusammen…

Sauer: Genau. Mit diesem Begriff lenken wir den Blick noch stärker auf das Thema Unternehmenskultur. Denn New Work ist untrennbar mit New Culture verbunden. Und hier wird es richtig spannend – ich sehe eine Revolution auf die Arbeitswelt zukommen. Und zwar insofern, als sich die bislang herrschenden Machtverhältnisse umkehren: Früher haben Menschen Arbeit bekommen, heute geben sie den Unternehmen ihre Arbeitsleistung. Das ist ein völlig anderes Selbstverständnis, das durch den Fachkräftemangel noch verstärkt wird. Die heranwachsende Generation stellt ganz neue Ansprüche an die Arbeitswelt ­– und die Unternehmen müssen sich darauf einstellen und sich verändern, weil es immer schwerer wird, Talente für sich zu gewinnen und Arbeitskräfte zu halten. Denn der wertvollste Aktivposten jedes Unternehmens, das Wissen und die Ideen der Mitarbeiter, steckt in deren Köpfen.

 

Wie tickt diese neue Generation?

Sauer: Sie hat ein anderes Wertesystem und Arbeit darin einen anderen Stellenwert. Geld ist nur noch ein Faktor, neben dem noch viele andere Dinge passen müssen. Arbeitszeit ist für sie Lebenszeit. Es geht um sinnerfüllte Arbeit. Mitarbeiter wollen gern in die Firma kommen, sich wohlfühlen und vor allem: einen sichtbaren Mehrwert für die Gesellschaft schaffen. Sie wollen Verantwortung übernehmen, aber auch die Freiheit haben, Ideen und neue Wege auszuprobieren. Und sie wissen, dass das mithilfe mobiler Vernetzung auch grundsätzlich möglich ist. Welcher junge Mensch will schon in ein Unternehmen gehen, dessen technische Infrastruktur älter ist als er selbst? In Unternehmen, die das erkannt haben, kann das zu sehr weitreichenden Veränderungen führen, die weit über die Vier-Tage-Woche oder Kinderbetreuung hinausgehen. Dafür gibt es inzwischen viele spannende Beispiele, zunehmend auch bei Mittelständlern und Familienunternehmen. Warum sollten Mitarbeiter zum Beispiel nicht selbst ihre Vorgesetzten wählen?

 

Haben Sie für uns ein Beispiel für ein solches Unternehmen?

Sauer: Da hätte ich eine ganze Reihe zu bieten, denn immerhin loben wir seit fünf Jahren den New Work Award von XING für innovative Unternehmen aus. Da gibt es zum Beispiel den Maschinenbauer HEMA, einen schwäbischen Traditionsbetrieb, der sich umfassend neu organisiert hat. Als man dort merkte, dass die klassische Abteilungsleiterstruktur an ihre Grenzen stößt, hat man Arbeitsmethoden im Sinne einer agilen Organisation eingeführt, Entscheidungskompetenz in die Teams zurückverlagert und viel Wert auf direkte Kommunikationswege gelegt. Im Ergebnis sind die Teams nicht mehr in ihren Silos verhaftet und bringen sich viel stärker ein. Die Mitarbeiter fühlen sich näher am Produkt, weil sie es mitgestalten können. Damit ist eine neue Dynamik ins Unternehmen gekommen, es kann schneller im Markt agieren und ist auch wirtschaftlich erfolgreicher.

 

Wir groß ist der Veränderungsdruck bei den Unternehmen?

Sauer: Die Erkenntnis, welche weitreichenden Auswirkungen die Digitalisierung hat, ist in den Köpfen mancher Verantwortlicher noch nicht wirklich angekommen. Da spielt auch Bequemlichkeit eine gewisse Rolle, etwa dann, wenn Unternehmen noch ausreichend Bewerbungen auf den Tisch bekommen. Aber inzwischen suchen sich die Talente ihre Unternehmen aus, nicht mehr umgekehrt. Zugleich steigt die Transparenz. Ein gutes Beispiel gibt kununu, ein Internetportal, auf dem Angestellte die Qualität ihrer Unternehmen als Arbeitgeber bewerten können. Es hilft immer weniger, Hochglanzbroschüren fürs Recruiting zu drucken, man muss sich dem Markt stellen. Leider gibt es dafür keine Blaupause, kein Konzept, das für jeden passt. Es ist harte Arbeit, an seiner Unternehmenskultur zu arbeiten. Aber im Ergebnis erleben alle, die diesen Schritt gegangen sind und die wir kennengelernt haben, dass damit eine motivierende Dynamik im Unternehmen freigesetzt wird.

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Inken Hallberg
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