"Blockchain wird Banken nicht ersetzen"

31.08.2017Christian Gies
Die Blockchain-Technologie befinde sich gerade in der gleichen Situation wie das Internet Mitte der Neunzigerjahre: Die Technologie ist zwar prinzipiell vorhanden und ein enormes Potenzial erkennbar – aber die konkreten Anwendungsmöglichkeiten müssen erst noch erforscht werden, lauten die zentralen Ergebnisse einer Studie der Landesbank Baden-Württemberg von Mitte August. Ungeachtet dessen ist die Volksbank Mittweida eG Vorreiterin und forciert mit der ADG und regionalen Partnern das Thema für die genossenschaftliche FinanzGruppe. Im Interview spricht Leonhard Zintl, Vorstand der Volksbank Mittweida eG, über konkrete Anwendungsfälle der Blockchain-Technologie für Genossenschaftsbanken, wie sein Haus speziell dieses Thema für die Region forciert und welche Rolle die ADG zusammen mit seiner Bank und der Hochschule Mittweida spielt, um das Wissen über Blockchain in der gesamten genossenschaftlichen FinanzGruppe zu erhöhen.

Wenn Sie erklären müssten, was die Blockchain-Technologie ausmacht, dann lautet Ihre Antwort…?

Leonhard Zintl: Blockchain ist ein bisschen wie Abseits beim Fußball: Alle kennen es, aber Abseits verständlich zu erklären, wird für die meisten dann doch sehr schwierig. Der Satz stammt nicht von mir, verdeutlicht aber die Schwierigkeit, dieses komplexe technische Gebilde genau und verständlich zu beschreiben. In meinen eigenen Worten formuliert: Blockchain ist ein elektronisches Register für digitale Datensätze, Ereignisse oder Transaktionen, die durch die Teilnehmer eines verteilten Rechennetzwerkes verwaltet wird. Für mich als Laie eine gute Beschreibung. Der Datensatz ist hierbei von einer virtuellen Kette umschlossen. Nur der Schlüsselbesitzer des Schlosses kann wiederum die Kette öffnen, den Datensatz verändern, die Kette wieder schließen und je nachdem auch anderen Zugriff darauf gestatten.


Welche Bedeutung messen Sie der Blockchain-Technologie bei? 

Zintl: Die praktische Anwendung der Technologie steht in meinen Augen noch ziemlich am Anfang. Dennoch kann man aus meiner Sicht schon heute beurteilen, dass Blockchain – im Vergleich zu Kryptowährungen - bei den mir heute bekannten Anwendungsmöglichkeiten disruptives Potenzial besitzt. Ein Beispiel: Die Reisebank ermöglichte in der ersten Blockchainphase Überweisungen von Kanada-Dollar nach Europa in sieben Sekunden − mit Transaktionskosten von drei Cent. Jetzt in der mittlerweile dritten Phase sind die Transaktionskosten noch weiter gesunken. Dies wird gewiss die Finanzbranche verändern, auch die genossenschaftliche FinanzGruppe als Bestandteil der Finanzmärkte. Ich gehe aber nicht so weit, dass Banken künftig nur noch Blockchain-Codes verwalten und damit fast überflüssig werden. Diese Meinung teilt mit mir auch Christoph Jentzsch, Programmierer der menschenlosen Investmentfirma DAO und Gründer eines IT-Start-Ups aus Mittweida. Banken werden durch Blockchain die Chance erhalten, Prozesse zu beschleunigen und Kosten zu optimieren. Wenig Phantasie für Anwendungsfälle habe ich heute hingegen in den Bereichen der Geldanlage, dem Kreditwesen oder dort, wo das Vertrauen der Kunden benötigt wird. Techniken können nicht das Vertrauen der Menschen ersetzen. In Gänze sind die potenziellen Auswirkungen aber noch nicht abzusehen. Sinnvolle Anwendungen werden sich künftig exponentiell schnell verbreiten, wenn sie kostengünstig und sicher sind sowie die bankaufsichtsrechtlichen Standards erfüllen.

Sind Zahlungen ohne Intermediäre, Firmen ohne Menschen, dezentrale Netzwerkstrukturen sowie Smart Contracts tatsächlich mit Blockchain möglich, in dem Sinne, dass Verknüpfungen von Verträgen untereinander bzw. zwischen Waren und Verträgen entstehen?

Zintl: Rein technisch können wir dies heute schon bejahen, in dem Sinne, dass eine Maschine ein Konto und Guthaben haben kann und an eine andere Maschine einen Geldbetrag für die Lieferung einer Ware bezahlt. Daraus ergeben sich für uns ganz neue rechtliche Fragestellungen. Beispielsweise muss geklärt werden, wer Inhaber der Zahlung oder des Guthabens ist, wenn künftig Maschinen untereinander eine Verrechnung vornehmen. Diese und fast alle anderen Aspekte sind noch nicht beantwortet.  Aus unserem Netzwerk wissen wir, dass genau an diesen Fragen bereits intensiv gearbeitet wird.


Wie geht Ihr Haus mit dem digitalen Wandel im Allgemeinen, und im Speziellen mit Blockchain & Co. um?

Zintl: Wir gehen sehr offen mit den Themen der digitalen Transformation um, und haben die Wichtigkeit erkannt, die technischen Voraussetzungen zu schaffen, aber vor allem auch die Menschen im Wandel mitzunehmen. Hinsichtlich der Blockchain-Technolgie geht es uns in der jetzigen Anfangsphase in erster Linie nicht darum, Blockchain einzusetzen, sondern zunächst zu beleuchten, wo wir vor allem Kundennutzen stiften könnten. Finden wir Anwendungsfälle hierfür, die auch dauerhaft unserer Region gut tun, werden wir diese Aspekte mit unseren Partnern in der genossenschaftlichen FinanzGruppe und mit Experten aus der Region, wie Christoph Jentzsch, dem neu gegründeten Blockchain Competence Center Mittweida (BCCM) der Hochschule Mittweida und auch der Stadt weiter verfolgen. Wir haben das getan, was uns als genossenschaftliches Unternehmen ausmacht: Wir haben uns mit regionalen Partnern vernetzt und analysiert, was wir tun können, damit es der Region dauerhaft besser geht. Insgesamt sind daraus in Mittweida einige Initiativen entstanden.  


Eine der Initiativen ist das Ende Juni 2017 gegründete Blockchain Competence Center Mittweida (BCCM) - ein interdisziplinäres Institut, deren Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung für Anwendungsnähe und Transfer stehen. Neben der Volksbank Mittweida eG ist auch die ADG Gründungspate des BCCM. Welchen Nutzen stiftet diese Kooperation?

Zintl: Für uns ist die Kooperation mit der ADG und dem Institut der Hochschule Mittweida nur logisch und konsequent: Wir haben zum einen seit Jahren eine sehr enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der ADG und sind seit jeher zu diversen Management- und Zukunftsthemen permanent gemeinsam im Gespräch. Aus dem ständigen Dialog mit der ADG hat sich auch das Thema „Blockchain“ herauskristallisiert. Das BCCM Mittweida gewährleistet zum anderem, dass ‚Blockchain‘ nicht nur ein IT-Thema bleibt, sondern über alle relevanten Fachbereiche hinweg angewendet wird, und somit den Praxistransfer sichert. Mit den beiden Partnern ADG und BCCM muss es uns hierbei gelingen, in unserer dezentral aufgestellten Gruppe das vorhandene Wissen zu heben und für andere in der Gruppe schnell anwendbar zu machen, sodass alle davon profitieren können. Wir wollen mit dieser Kooperation einen Mehrwert stiften, den keiner alleine erreichen könnte. Dann sind wir leistungsfähig und gut für die Zukunft aufgestellt – und dies gilt nicht nur beim Thema ‚Blockchain‘.   


Ende November diesen Jahres bietet Ihr Institut gemeinsam mit der ADG eine Veranstaltung in Mittweida zur Blockchain an – was lernen die Teilnehmer in den zwei Tagen?

Zintl: Wir wollen etwas Licht ins Dunkel rund um das Mysterium ‚Blockchain‘ bringen, Transparenz darüber schaffen, welche Möglichkeiten die Blockchain-Technologie heute und morgen mit sich bringt und mit welchen Auswirkungen die genossenschaftliche FinanzGruppe rechnen kann. Die Veranstaltung für eine heterogene Zielgruppe mit unterschiedlichem Wissensstand ist so konzipiert, dass wir wertvolle Impulse für die Praxis liefern werden.

Informieren Sie sich jetzt zur Blockchain-Veranstaltung in Mittweida!

Die ADG unterstützt mit ihrem Engagement die Forschung zur Blockchain-Technologie und den Aufbau von IT-Kompetenz im Blockchain Competence Center Mittweida. Über Fachkonferenzen soll der Know-how-Transfer sichergestellt werden und direkt genossenschaftlichen Unternehmen und Organisationen zugutekommen.

So bietet die ADG in Zusammenarbeit mit der Volksbank Mittweida eG am 27.11. und 28.11.2017 in Mittweida die Konferenz „Was bedeutet Blockchain für die genossenschaftliche FinanzGruppe?“ an. Des Weiteren laufen bereits die Planungen für Blockchain-Konferenzen für den Agrar- und Handelbereich. Interessenten haben hier schon jetzt die Möglichkeit, sich hier zu registrieren.


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