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Juli 2012

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Interview mit einem erfahrenen Praktiker der FinanzGruppe: "Mikrofinanz enthält typische genossenschaftliche Werte"

Michael P. Sommer leitet als Direktor Ausland & Nachhaltigkeit die Mikrofinanzaktivitäten der BANK IM BISTUM ESSEN eG. Im Interview mit "ADG aktuell" spricht Redakteur Christian Gies mit dem Mikrofinanz-Experten unter Anderem über die Herausforderungen sowie aktuelle Kritik an dem Geschäftsmodell hinsichtlich hoher Zinssätze. Andererseits geht er auch auf den Nutzen für deutsche Genossenschaftsbanken bei einem Engagement in diesem Sektor ein.

Sommer tritt Mitte Oktober bei der ADG-Veranstaltung auf Schloss Montabaur "Mikrofinanz: Möglichkeiten für Genossenschaftsbanken" als Referent auf.

 

Mikrofinanz umfasst zumeist finanzielle Dienstleistungen für – häufig arme – Kunden in Entwicklungs- und Schwellenländern, die vom herkömmlichen Finanzsektor nicht bedient werden. Wie würden Sie die wichtigsten Charakteristika von diesem Instrument zusammenfassen?

Michael Sommer: Mikrofinanz richtet sich immer an ökonomisch arme Menschen, die damit die Basis für ein menschenwürdiges Leben legen können. Dazu gehört neben einer Einkünfte generierenden Arbeit eine angemessene Gesundheitsvorsorge, die Bezahlung von Schulgeld für die Kinder oder auch ein vernünftiges Haus oder Hütte zum Leben. Es handelt sich also primär um Personen, die in einer Subsistenzwirtschaft leben mit der Problematik, sich und ihre Familie zu versorgen. Mikrofinanz umfasst dabei deutlich mehr als die Kreditvergabe.


Vor allem gehören dazu drei weitere Basisfinanzdienstleistungen: Sparen, Absicherung existenzieller Lebensrisiken durch Mikro-Versicherungen und der Geldtransfer – insbesondere in Ländern der Dritten Welt ist es nicht selten so, dass Familienmitglieder im Ausland arbeiten müssen, um die Familie zu versorgen. Die Gebühren für Geldtransfers von Migranten in ihre Herkunftsländer spielen eine wichtige Rolle und die Kosten dafür müssen deutlich gesenkt werden. Es geht also darum, ökonomisch armen Menschen den Zugang zu den Basis-Finanzdienstleistungen zu ermöglichen.

 

Ein Thema hat in der letzten Zeit besonders viel Aufmerksamkeit erregt: ein für deutsche Verhältnisse horrender Zinssatz bei Mikrokrediten. Es ist nicht unüblich, dass Mikrofinanzinstitutionen ihren armen Kunden einen effektiven Zinssatz von 30 – 70 Prozent pro Jahr berechnen. Welcher Zinssatz ist angebracht und wie setzt sich dieser zusammen?

Sommer: Der Zinssatz ist davon abhängig, welches Produkt mit welcher Zielsetzung an welche Kunden in welcher Region angeboten wird. Doch generalisierend gilt durchaus folgendes Beispiel: Nehmen wir einen Mikrokredit-Sachbearbeiter im ländlichen Raum, der für einen 100-Euro-Kredit seinen Kunden nur mit dem Moped aufsuchen kann. Dafür benötigt er über zwei Stunden, berät den Kunden bei der Erstellung eines Businessplans, überprüft seine Glaubwürdigkeit, fährt wieder zwei Stunden zurück, legt eine Kreditakte an, zahlt nach positiver Entscheidung des Kredit-Ausschusses den Kredit aus und sammelt schließlich danach in z.B. vierwöchigen Raten das Geld wieder ein (wohlgemerkt eine Mopedfahrt pro Rate!).


Der Zinssatz für diesen Verwaltungsaufwand muss deutlich höher als in deutschen Gefilden sein. Die Transaktionskosten pro Krediteinheit sind demnach bei Kleinkrediten besonders hoch, da sich der Aufwand für eine Kreditvergabe eines größeren Kredites in etwa gleich darstellt. Allein 50 Prozent des Zinssatzes machen diese administrativen Kosten aus. Entscheidend ist stets ein fairer Zinssatz, mit dem eben nicht die Gewinnmaximierung von Investoren im Vordergrund steht und viele ökonomisch Arme den Reichtum einiger weniger bezahlen müssen. Dies wird zum Beispiel von unserem Haus bei unseren Mikrofinanzkunden regelmäßig geprüft.

Professor Muhammad Yunus hat 2006 für die Gründung der Grameen Mikrofinanzbank in Bangladesch den Friedensnobelpreis erhalten. Ein Jahr zuvor hat die UN das internationale Jahr der Mikrofinanz ausgerufen. Seitdem wurde Mikrofinanz von Vielen als Patentrezept zur Bekämpfung der Armut gesehen. Warum konnte und kann Mikrofinanz diesem Anspruch nicht gerecht werden?

Sommer: Es wäre sehr naiv, zu glauben, dass mit einem einzigen Instrument die Armut in der Welt beseitigt werden kann. Leider hat auch Muhammad Yunus diese Illusion genährt. Mikrofinanz ist allerdings der vielleicht effizienteste Baustein in der Armutsbekämpfung. Allerdings: Mikrofinanz ist ein Geschäftsmodell und keine Charity-Aktion. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Kommerzialisierung in diesem Bereich - im Gegenteil! Ich bin sogar entschieden dagegen, wenn sich eine Mikrofinanzinstitution durch Spenden refinanziert. Ein Beispiel: Ein Endkunde kann sich nicht als Geschäftspartner ernst genommen fühlen, wenn er zum einen 30 bis 40 Prozent Zinsen für seinen Mikrokredit zahlen muss, er aber schließlich merkt, dass die Mikrofinanzinstitution sein Geld geschenkt bekommen hat. Wie will man ihm verdeutlichen, dass er seinen Kredit zurückzahlen soll?

Natürlich wird es immer ökonomisch arme Menschen geben, die nicht in der Lage sind, sich selbst zu helfen. In dem Fall sind Spenden notwendig. Aber die anderen benötigen keine Spenden, sondern die Möglichkeit der Teilhabe am volkswirtschaftlichen Kreislauf. Eine angemessene Kommerzialisierung empfinde ich deshalb sogar als Bedingung dafür, dass Mikrofinanz nachhaltig funktioniert. Aber es gilt auch hier: eine auf Gewinnmaximierung fokussierte Kommerzialisierung, die den sozialen Impact außer Acht lässt, ist strikt abzulehnen und schadet allen Beteiligten an der Wertschöpfungskette.

Nicht zuletzt durch ihre bemerkenswerte Profitabilität ist um Mikrofinanzinstitutionen in Entwicklungs- und Schwellenländern in den letzten 20 Jahren eine milliardenschwere Mikrofinanzindustrie entstanden mit beeindruckenden Wachstumsraten von weit mehr als 30 Prozent pro Jahr. Im Mittelpunkt stehen Mikrofinanzfonds, die bei staatlichen und privaten Investoren um Gelder werben, um damit Mikrofinanzinstitutionen zu refinanzieren. Wie stehen Sie einer Kontrolle der Mikrofinanz-Branche gegenüber?

Sommer: Die in Europa aufgelegten Mikrofinanzfonds – etwa zwei Drittel aller existierenden Mikrofinanzfonds – unterstehen den Aufsichten der einzelnen Länder. Das Geld der Fonds geht an die Mikrofinanzinstitutionen zu deren Refinanzierung. Diese unterstehen oft der jeweiligen Bankenaufsicht oder der genossenschaftlichen Aufsicht, wenn sie die Rechtsform einer eG haben. Es gibt allerdings auch eine große Anzahl nicht regulierter NGOs, die deshalb nicht schlechter sein müssen. Die BANK IM BISTUM ESSEN eG als Investor verlangt aber jedenfalls WP-Berichte nach internationalem Standard.

 

Welche Rolle sollte der Staat bei den Kontrollen spielen? Sollte es also beispielsweise eine gesetzliche Obergrenze für die Zinsen von Mikrokrediten geben?

Sommer: Davon halte ich nichts! Die Vergangenheit hat uns oft genug gezeigt, dass insbesondere in Entwicklungsländern die Gefahr doch sehr groß ist, dass solche Instrumente missbraucht werden. In verschiedenen Ländern wurden z.B. Deckelungen von Kreditzinsen dazu benutzt, sich unliebsamer Konkurrenten im Markt zu entledigen. Mit solchen Methoden kann man den Markt natürlich auch kaputt machen. Aufgabe des Staates ist es aber, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, die ein privatwirtschaftliches Arbeiten ermöglichen. Dazu gehört auch ein aufsichtsrechtlicher Rahmen. Auch der Aufbau von der deutschen SCHUFA entsprechenden Kreditbüros kann ein sinnvolles Instrument sein, um zum Beispiel der Überschuldung von Endkunden zu begegnen.

Fotos: BANK IM BISTUM ESSEN eG

Wie engagiert sich die BANK IM BISTUM ESSEN eG im Bereich Mikrofinanz?

Sommer: Seit sechs Jahren vergeben wir weltweit Kredite an Mikrofinanzinstitutionen, die wir aufs eigene Buch nehmen. Außerdem haben wir zwei Mikrofinanzfonds für institutionelle Anleger aufgelegt, die von uns selbst gemanagt werden und in die wir auch investiert sind. Darüber hinaus hat die BANK IM BISTUM ESSEN eG im Juni 2007 einen Mikrofinanzfonds initiiert, der im Wege des Private Placements auch unseren Privatkunden offensteht. Als bundesweit erste Bank bieten wir seit dem vergangenen Jahr unseren Kunden auch ein Mikrofinanzsparbuch an. Dies ist die einzige Möglichkeit für Privatkunden, einlagengesichert ihr Geld im Mikrofinanzbereich arbeiten zu lassen. Wir benötigen dazu keine mitverdienenden Intermediäre, da wir das Geld unserer Kunden selbst an die Mikrofinanzinstitutionen als Kredite verauslagen.

Inzwischen sind wir im Bereich der Entwicklungsfinanzierung auch anderweitig unterwegs und engagieren uns z.B. im Bereich Erneuerbare Energien. Dabei arbeiten wir mit internationalen Entwicklungsbanken zusammen. Dies ist für uns Ausdruck einer glaubwürdigen Nachhaltigkeitsstrategie: finanziell, sozial und ökologisch gleichermaßen unsere Dienstleistungen auszutarieren.

 

Was waren die Beweggründe Ihrer Bank, sich damals in diesen Sektor zu wagen und welche Bilanz können Sie nun ziehen?

Sommer: Es war eine unternehmerische Entscheidung. Unser Engagement im Mikrofinanzbereich passt logisch in unsere ethisch-nachhaltige Unternehmensstrategie. Es geht für uns eben nicht darum, ein Nischenprodukt zu bedienen. Und wir können heute eine durchweg positive Bilanz ziehen: Kein einziges Kreditereignis, obwohl wir in Regionen wie Lateinamerika, im Nahen Osten, Afrika, Zentralasien, Südostasien oder auch Osteuropa unterwegs sind. Unsere Kunden freuen sich über stabile, angemessene Erträge.

Welchen Mehrwert könnte es für andere Genossenschaftsbanken geben, sich im Bereich Mikrofinanz zu engagieren?

Sommer: In dem Seminar bei der ADG auf Schloss Montabaur werde ich deutlich machen, dass die Mikrofinanz starke Wurzeln gerade auch in der von Deutschland ausgehenden Genossenschaftsbewegung hat. Die Finanzierung der Realwirtschaft und einer nachhaltig regionalen Wirtschaftsentwicklung ist den Genossenschaftsbanken immanent, damals und heute. Dies gilt auch in den Entwicklungsländern, mit denen auch der deutsche Mittelstand zunehmend wirtschaftlich verflochten ist. Voneinander Lernen und ineinander Investieren kann ein Beispiel gesundender Finanzwirtschaft sein.

Aber auch aus sozialer Perspektive enthält Mikrofinanz typische genossenschaftliche Werte: Selbsthilfe, Gemeinschaft, Fairness oder auch Solidarität. Es ist der Nachweis, dass man mit marktwirtschaftlichen Instrumenten Ethik und Rendite in Einklang bringen kann. Das ist für mich wesentlich, vor allem in Zeiten von Grundsatzdiskussionen um wirtschaftliche Systeme.

Warum ist das Mikrofinanz noch nicht in den Genossenschaftsbanken angekommen?

Sommer: Dies hängt sicher mit der traditionell auf das regionale Umfeld konzentrierte Geschäftsgebiet einer Genossenschaftsbank zusammen. Wir sehen gleichwohl ein gesteigertes Interesse an diesem Thema. Einige Banken sind bereits im Bereich der Eigenanlagen oder über Spezialfonds in der Mikrofinanz investiert.  Unkenntnis der Marktbedingungen und offene Regulierungsfragen lassen aber manche noch zögern. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema und der Blick über den Tellerrand sind Voraussetzungen, Chancen und Risiken angemessen einzuschätzen. Dazu sind neben dem Kerngeschäft oft keine Ressourcen vorhanden.


Erst bei vorhandenem Know-how und der Kenntnis der Materie verliert die Vorstellung, Kapital in Kenia oder Ecuador, der Mongolei oder in Jordanien anzulegen, seinen „Schrecken“. Der entscheidende Punkt im Mikrofinanzbereich ist ja, dass man genau weiß, was mit seinem Geld passiert. Die Kreditvergabe in der Realwirtschaft ist gerade den Genossenschaftsbanken immanent – ein hervorragender Punkt, sich mit Mikrofinanz zu beschäftigen. Niedrige Volatilität, stabile Erträge, ein interessantes Rendite-Risiko-Profil und niedrige Korrelationen zu anderen Anlageklassen tun ihr Übriges, dass im Genossenschaftsbereich das Interesse wächst.

 

Informieren Sie sich zum Thema "Mikrofinanz" unter www.mikrofinanzwiki.de. 


Dieses Webportal wird durch einen Förderkreis der Mikrofinanzplattform Deutschland unterstützt. An diesem engagiert sich neben der ADG auch der Deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband e. V. (DGRV). Das gemeinsame Ziel der Mikrofinanzplattform ist es, den Zugang zu Mikrofinanzdienstleistungen für Kleinst-, Klein- und mittelständische Unternehmen sowie Einzelpersonen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu verbessern und Sorge dafür zu tragen, dass die geförderten Finanzinstitutionen nachhaltig funktionsfähig bleiben und langfristig den zuvor Benachteiligten helfen.

 
Die ADG unterstützt Sie zu diesem Themenkomplex mit folgender Veranstaltung:

vom 17.10. bis 18.10.2012 (SB512-070)

 

Für weitergehende Fragen steht Ihnen gerne zur Verfügung:


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Sebastian Sommer
Master of Arts in Development Management

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Bildungsaktivitäten und Projektbetreuung Ausland, internationale Konferenzen,
Study Tours internationaler Delegationen

Telefon: (0 26 02) 14-1 47
Telefax: (0 26 02) 14 95-1 47
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